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Jenaer Moot Court-Studenten in DER ZEIT gewürdigt



Ein Semester lang haben Annelie Gallon und Laura Zentner ihre Vorlesungen sausen lassen und stattdessen komplizierte juristische Schriftsätze verfasst, englisches Fachvokabular gelernt und völkerrechtliche Präzedenzfälle gepaukt. Statt in überfüllten Seminaren zu sitzen, haben die Jenaer Studentinnen täglich an Plädoyers gefeilt und Gerichtsauftritte vor dem Spiegel daheim oder unter der strengen Aufsicht ihrer Kommilitonen eingeübt. »Am Schluss haben wir sogar schon von unseren mündlichen Plädoyers geträumt«, erzählt Zentner. Doch die intensive Vorbereitung auf den internationalen Völkerrechtswettbewerb »Philip C. Jessup Moot Court« in Washington, D. C., habe sich gelohnt, versichert die 23-jährige Jurastudentin: »Wir haben wahnsinnig viel gelernt.«

Mit einem Team der Uni Heidelberg hatte sich die Studentengruppe aus Jena im Februar bei der nationalen Vorausscheidung gegen die deutsche Konkurrenz durchgesetzt und für die Endrunde des renommierten Uniwettbewerbs in den USA qualifiziert. Heidelberg belegte bei dem Wettbewerb in Tübingen Platz eins, die Juristen aus Jena sicherten sich Platz zwei.

Anwälte und Juraprofessoren bewerten das Auftreten der Studenten vor Gericht

Doch bei der deutschen Ausscheidung nahmen nur 13 Universitäten an den simulierten Gerichtsverhandlungen des Jessup Court teil - so benannt nach Philip C. Jessup, einem amerikanischen Völkerrechtler und ehemaligen Mitglied des Internationalen Gerichtshofes in Den Haag; bei der einwöchigen Veranstaltung im Fairmont Washington Hotel aber waren über hundert Teams aus achtzig Ländern vertreten.

Seit über vierzig Jahren treffen sich Jurastudenten aus aller Welt jährlich in den USA, um die hypothetischen, aber wirklichkeitsnah konstruierten Fälle unter möglichst realistischen Bedingungen zu verhandeln. 1960 wurden die mock trials erstmals an der Harvard University durchgeführt. Mittlerweile haben an den Treffen mehr als 28000 Studenten und Tausende von Rechtsexperten, Anwälten und Juraprofessoren teilgenommen, die während der Zusammenkunft als ehrenamtliche Richter auftreten und die Leistungen der Studenten benoten. Organisiert wird der Wettbewerb von ILSA, der amerikanischen International Law Students Association in Chicago. Die Studenten treten vor dem so genannten Moot Court in einer simulierten Gerichtssituation gegeneinander an und müssen alle den gleichen theoretischen Streitfall bearbeiten, den eine Gruppe von Rechtsexperten zusammengestellt hat und den die zukünftigen Juristen im Vorfeld monatelang recherchiert und vorbereitet haben.

Beim diesjährigen Treffen Anfang April nahmen 461 Studierende teil. Es ging unter anderem um die Rechte indigener Völker, Zwangsarbeit, binationale Investitionsschutzabkommen sowie die wirtschaftlichen Interessen multinationaler Firmen. »Der Sachverhalt ist frei erfunden, ähnliche Situationen gibt es aber immer wieder«, erzählt die 23-jährige Annelie Gallon, die im siebten Semester an der Universität Jena studiert.

Die Studenten treten während der »Prozesse«, die an mehreren Tagen in verschiedenen Hotelzimmern stattfinden, sowohl als Ankläger als auch als Verteidiger auf und sollen die Interessen von Ländern mit Fantasienamen wie Acastus und Rubria und eines Volkes namens Elysians vertreten. Dabei werden sie sowohl für ihre vorab eingereichten Schriftsätze bewertet als auch für ihren Auftritt vor Gericht, bei dem sie einem dreiköpfigen Richtergremium Rede und Antwort stehen müssen. »Die Elysians leben im Grenzgebiet zwischen Acastus und Rubria, die bis zu ihrer Teilung im Jahr 2000 das gemeinsame Staatengebilde Nessus formten«, erklärt Gallon, bemüht, den komplizierten Sachverhalt auf die wesentlichen Punkte zusammenzufassen. »Drei Jahre später wird im Stammesgebiet der Elysians Öl entdeckt. Nun kommen zu den nationalen Gebietsansprüchen auch noch die ökonomischen Interessen privater Firmen hinzu, die beschuldigt werden, die Lebensgrundlagen der Elysians zu zerstören und sie zu Zwangsarbeit zu nötigen.«

Für ihren Auftritt erhält jede Gruppe 45 Minuten. Dabei achten die Richter nicht nur auf inhaltliche Argumentation, Selbstsicherheit und professionelles Auftreten. »Auch Äußerlichkeiten werden bewertet«, sagt Zentner, die ein schickes Kostüm trägt und sorgfältig geschminkt ist. Ihre männlichen Mitstreiter tragen Anzug und Krawatte. Mit Erstaunen stellten die Jenaer fest, wie unterschiedlich die Parteien ihre Auftritte inszenierten. »Die Inder waren sehr höflich, fast zurückhaltend«, findet Zentner. »Die Amis halten ihre Plädoyers dagegen mit viel Pathos und schwingen die moralische Keule, während wir Deutschen doch eher aufs Recht pochen und Präzedenzfälle anbringen.«

Der Moot Court bietet den Studenten die seltene Gelegenheit, internationales Völkerrecht praktisch anzuwenden. »Für mich war das mit Abstand die bislang beste Erfahrung meines Studiums«, versichert Daniel Scherr, 24, der im siebten Semester Jura an der Universität Heidelberg studiert.

Auch das Networking kommt nicht zu kurz, die Studenten lernen Rechtsgelehrte und zukünftige Kollegen aus der ganzen Welt kennen. Zudem arbeitet ILSA mit internationalen Großkanzleien wie der New Yorker law firm Shearman & Sterling zusammen, die die Veranstaltung sponsern und die Studenten später oft auch als Praktikanten anstellen. Sowohl die Vorrunde in Deutschland als auch die Reise- und Übernachtungskosten in Washington werden finanziell von Anwaltsfirmen, aber auch Organisationen wie dem Deutschen Akademischen Austauschdienst unterstützt. Die Teilnahme an dem Wettbewerb macht sich bei späteren Bewerbungen gut im Lebenslauf, potenzielle Arbeitgeber sehen so viel Eigeninitiative und Engagement gerne.

»Angst vor mündlichen Prüfungen hat jetzt keiner mehr«

»Viele unserer Teilnehmer werden später einmal internationales Recht praktizieren«, erklärt Michael Peil, 33, der seit fünf Jahren als Direktor von ILSA tätig ist und 1997 selbst an dem Wettbewerb teilgenommen hat. »In Zukunft werden sich die Studenten immer wieder über den Weg laufen, da schadet es nicht, dass sie jetzt schon Kontakte knüpfen und Freundschaften aufbauen.«

Am Ende hielten sich die Jenaer tapfer bis ins Achtelfinale. Die Gruppen, deren Muttersprache Englisch ist, hatten doch einen Heimvorteil. Manchmal, erzählt Zentner, hätten ihr im ersten Moment die Worte gefehlt, wenn sie von den amerikanischen Richtern mit ihrem aggressiven Stil ins Kreuzverhör genommen wurde. In der Gesamtwertung kam Jena auf Platz 18, Heidelberg auf Platz 75. In der Einzelbewertung der mündlichen Plädoyers belegte Laura Zentner als beste Deutsche Platz 39. Den ersten Platz in der Gesamtwertung holte die Columbia University aus New York. David Diehl fühlt sich trotzdem als Gewinner: »Angst vor den mündlichen Prüfungen im ersten Staatsexamen hat von unserem Team jetzt ganz sicher keiner mehr.«

Quelle: Die Zeit online, http://www.zeit.de/2006/19/Tabloid_juraspiel?page=all


Meldung vom: 2006-05-09 17:43
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